Maßgeschneiderte Jacken

Neben oscarreifen Abendroben, für die die meisten von uns wahrscheinlich eher weniger Verwendung haben werden, ist einer der Endgegner beim Nähen ein maßgeschneidertes Jackett.

Nun habe ich mich mit dem Thema berufsbedingt etwas beschäftigt – Jacken sind bei mir einfach enorm wichtig. Und ich habe schon einige perfekte Stücke gesehen, auch wenn ich (noch) keines gefertigt habe.

Was macht ein maßgeschneidertes Jackett aus?

Was macht ein maßgeschneidertes Jackett so kompliziert? Nun, es sind zwei Dinge: Passform und Verarbeitung. Beides muss perfekt sein, sonst sieht es nicht gut aus.

  1. Passform

Die Passform ist essentiell. Die Jacke sollte körpernah sitzen, aber nicht zu eng. Man will sich noch bewegen können: Autofahren, Fahrradfahren, man muss Bücher ins Regal stellen können und Ordner aus dem obersten Fach holen können. Klar, wenn man im Büro arbeitet, wird die Jacke die meiste Zeit über dem Stuhl hängen, aber man wird sie trotzdem anziehen.

Die Länge muss passen – für Kostüme darf es etwas kürzer sein, für Hosenanzüge etwas länger.

Der Sitz sollte so sein, dass es keine Zugfalten gibt, das Revers sich schön legt und der Ärmel gerade fällt, ohne Falten zu werfen. Außerdem dreht er sich leicht nach vorne und folgt der natürlichen Form des Armes.

Wichtig ist besonders der Sitz im Bereich der Schulter. Die Schulter darf keinesfalls zu breit sein, was man leider sehr oft sieht. Das Armloch muss passen und der Ärmel gut sitzen. (Tipp: Da gibt es zumindest im Schulterbereich ein paar Tricks, wie man da etwas schummeln kann).

Das was ich beschrieben habe, lässt sich durch einen Teil durch den richtigen Schnitt erzielen, zum anderen nur durch den richtigen Stoff und die richtige Verarbeitung.

2. Verarbeitung

Nun kommen wir schon zu Punkt 2, Verarbeitung. Die muss einfach stimmen. Wenn der Unterkragen herausschaut, die Nähte schief sind oder sich Falten bilden, weil die falsche Einlage verwendet wurde – das geht einfach nicht. Knopflöcher müssen symmetrisch und ordentlich sein, die Ecken und Kanten flach und kein „Wulst“ von falsch oder nicht zurückgeschnittenen Nahtzugaben.

Und wie bekomme ich das hin?

So, wie kommt man nun dahin? Also nicht, dass ich da schon angekommen wäre. Ich habe zwar ein oder zwei gutsitzende Jacketts, aber die sind noch nicht so, wie man es sich vorstellt.

Das wichtigste ist natürlich der Schnitt. Entweder man konstruiert ihn selbst oder nimmt einen fertigen (und da am besten was klassisches – wenn der einmal passt, kann man ihn dann abwandeln. Ich finde zum Beispiel Vogue 9099 ganz klasse – da kann man ja auch abwandeln, wenn man mal einen passenden Schnitt hat).

Aber, wie kommt man nun zu „perfekter“ Passform und Verarbeitung? Nun, man fängt klein an. Es gibt wie immer verschiedene Eskalationsstufen, sowohl von Stoff, Schnitt, als auch Verarbeitung.

Stoff

In Bezug auf den Stoff würde ich empfehlen, die ersten Modelle aus einem Stoff zu machen, der viel verzeiht. Im Allgemeinen lässt sich Wolle einfacher verarbeiten als Baumwolle oder Kunstfasern, da man sie einfacher in Form bügeln kann. Das gilt eigentlich für alles: je einfacher formbar, je verzeihender (sieht man Handstiche sofort? Gibt der Stoff etwas nach?), umso einfacher. Schwieriger sind Stoffe, die sich nicht formen lassen, sich verziehen oder sehr starr sind.

Anfängergeeignet sind z.B. Tweedstoffe oder alles mit etwas Struktur.

Wenn man sich etwas fortgeschritten fühlt, kann man dann Anzugstoffe aus Wolle verarbeiten. Auch Baumwollstoffe wie Baumwollsatin, Cord, Jeans und Samt sind etwas für Fortgeschrittene (nicht so, weil die Stoffe alle so schwierig wären, aber weil man sie so schlecht in Form bügeln kann und das gerade im Schulter-/Armbereich schwierig ist).

Für Profis sind dann Kunstfaserstoffe wie Brokat oder auch Boucle, der sich von selbst auslöst.

Manche diese Stoffe kann man auch durch die richtige Einlage bändigen, aber das ist ein anderes Thema.

Schnittdetails

Das erklärt sich glaube ich von selbst – es gibt einfachere und schwierige Schnittformen.

Einfach finde ich: Gerade Saumabschlüsse (runde muss man exakt auf beiden Seiten gleich hinbekommen), Maschinenknopflöcher, Nahttaschen (evtl. sogar durch eine falsche Klappe verdeckt, wie bei dem Simplicityschnitt hier), Ärmel ohne Schlitz.

Fortgeschrittener sind alle Arten von Taschen: Paspeltaschen, Pattentaschen, Taschen mit Klappe, aufgesetzte Taschen und Brusttaschen. Man muss sie alle exakt gleich arbeiten und jede hat ihre eigene Schwierigkeit. Außerdem sind gerundete Saumabschlüsse etwas komplizierter. Ärmel mit falschem Schlitz sind etwas komplizierter, wer es ganz aufwändig mag kann auch einen richtigen Schlitz mit „echten“ Knopflöchern arbeiten. Außerdem Paspelknopflöcher oder handgestickte Knopflöcher. Und, und, und.

Verarbeitung

Und zuletzt, die Verarbeitung. Es gibt so Standards wie Schulterpolster und Einlage, die müssen in jedem Blazer vorkommen. Dann gibt es so Dinge wie Ärmelfische oder Einlage an bestimmten Stellen, die das Leben deutlich einfacher machen, weil sie Probleme beseitigen, die man ohne sie nicht wegbekommen. Z.B. dellt sich bei mir der Ärmel oben an der Kugel immer etwas nach innen – mit etwas Watteline ist das Problem aber schnell behoben.

Anfängern würde ich empfehlen, mit Klebeeinlage zu arbeiten. Und zwar mit einer „gestrickten“, also so etwas wie G 785. Die kann man dann auf alle wichtigen Stellen (dazu in einem späteren Beitrag mehr) bügeln und braucht sich keine großen Gedanken zu machen.

Wenn man dann so einen Blazer hinbekommt, kann man einen Schritt weitergehen und verschiedene Klebeeinlagen verwenden. Für das Vorderteil, Unterkragen und Saum verwende ich immer etwas steiferes, für Belege, Rückenbereich und Armausschnitt etwas weicheres. Das hängt aber auch sehr viel vom verwendeten Stoff ab.

Für Profis gibt es dann noch die Möglichkeit, mit Seidenorganza, Rosshaareinlage und verschiedenen anderen nicht-bügelbaren Einlagen zu arbeiten. Aber das muss man erstmal können und wissen, was man wo machen muss und was dann das Ergebnis ist. Das ist ein langer Lernprozess, den ich auch noch lange nicht abgeschlossen habe.

Das war jetzt mal eine kleine Übersicht, in der nächsten Zeit werde ich auf einige Unterthemen gerne näher eingehen. Falls Euch was bestimmtes brennend interessiert, dann schreibt es gerne in die Kommentare und ich versuche mein möglichstes.

Welche Stoffe, Schnitte und Verarbeitungdetails verwendet ihr für Eure Jacken? Oder habt Ihr Euch noch gar nicht da drangetraut? Ich bin gespannt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Jacken abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s